Liederzyklus "Die Winterreise"

Liederzyklus "Die Winterreise" von Franz Schubert
3. Februar 2002, 17:15
Evangelisch-Reformierte Kirche

Aufführende

Samuel Zünd, Bariton
Aufgewachsen in der Ostschweiz, oblag einem intensiven Gesangsstudium am Sweelinck Conservatorium Amsterdam, wo er das Konzert- und Operndiplom erlangte. Weiteres Studium in der Konzertklasse an der Musikhochschule Zürich. Mitbegründer des Vokalensembles Zürich. Neben seiner grossen Affinität für die abendländische Kirchenmusik widmet sich Samuel Zünd mit besonderer Hingabe der Liedkunst: Liederabende in Europa und den USA, u. a. mit den Duo-Partnern Theresia Schmid und Jeroen Sarphati (Lieder-CD „Wandern“). Radio- und TV-Aufnahmen im In- und Ausland (DRS 2, Espace2, NOS3, Arte, SF DRS).

Theresia Schmid, Klavier
Geboren in Chur, absolvierte nach der Matura ein Klavierstudium am Konservatorium und Musikhochschule Zürich, wo sie mit dem Lehrdiplom und Konzertreifediplom für Liedinterpretation abschloss. 1992 ungarisches Staatsstipendium: Studien bei György Nádor und Balázs Kecskés an der Liszt-Ferenc Akademie Budapest. Sie ist Gewinnerin mehrerer Förderpreise wie z. B. den Kulturförderpreis des Kantons Graubünden sowie Preisträgerin des Kiwanis-Kammermusikpreises Zürich. Lehrbeauftragte für Klavier und Liedinterpretation am Konservatorium Zürich.

Programm

Wanderlieder von Wilhelm Müller: Die Winterreise in 12 Liedern
(1. Teil begonnen im Februar 1827)
1. Gute Nacht
2. Die Wetterfahne
3. Gefrorne Tränen
4. Erstarrung
5. Der Lindenbaum
6. Wasserflut
7. Auf dem Flusse
8. Rückblick
9. Das Irrlicht
10.Rast
11.Frühlingstraum
12. Einsamkeit

Lieder des Lebens und der Liebe. Die Winterreise in 12 Liedern
(2. Teil begonnen im Oktober 1827)
13. Die Post
14. Der greise Kopf
15. Die Krähe
16. Letzte Hoffnung
17. Im Dorfe
18. Der stürmische Morgen
19. Täuschung
20. Der Wegweiser
21. Das Wirtshaus
22. Mut
23. Die Nebensonnen
24. Der Leiermann
(Liederfolge bei Schubert )

Zeitungsbericht

Ergreifende Gestaltung

Die «Konzerte in Rehetobel 2002» hätten keinen besseren Auftakt erleben können als mit der Aufführung der «Winterreise» von Franz Schubert durch den jungen Schweizer Bariton Samuel Zünd und seiner Gattin, der Pianistin Theresia Schmid.
In der evangelischen Kirche lauschten die Zuhörer den von Schwermut und Verzweiflung geprägten 24 Liedern mit atemloser Spannung und tiefer Ergriffenheit. «Die Winterreise» ist eines der anspruchsvollsten Vokalwerke Schuberts, ein «düsteres Seelengemälde mit einigen traumhaft hellen Lichtpunkten». In den aufwühlenden Liedern kann man den aus Liebesschmerz verzweifelnden Wandergesellen als überhöhte Gestalt des romantischen Menschen sehen. Die enttäuschten Gefühle treiben ihn in die einsame, froststarrende Winternacht hinaus. Den ruhelosen Wanderer beherrscht Todessehnsucht. Von nirgendwo erfährt er - und von niemandem - erwartet er Zuspruch.

Ergreifende Interpretation
Der diffizilen Aufgabe, diesen vielschichtigen Liederzyklus authentisch zu interpretieren, meisterten Sänger und Pianistin mit Engagement und Können. Samuel Zünd setzte seinen schönen lyrischen Bariton dezent und gefühlvoll ein. Mit klarer Artikulation, lebendiger Phrasierung und verinnerlichter Textgestaltung gelang ihm eine ergreifende Interpretation. Theresia Schmid war eine feinnervige, kongeniale Partnerin am stilechten Hammerflügel wie zu Schuberts Zeiten. Sie brachte mit weichem, modulationsfähigem Anschlag das Essentielle der Seelenstimmungen und Naturvorgänge berührend zum Ausdruck. Schon beim ersten der zwölf Wanderlieder des ersten Teils der «Winterreise», dem schlichten «Gute Nacht», erlebten wir, wie der vom treulosen Mädchen Enttäuschte ziel- und hoffnungslos in die Winternacht hinauszieht. Auf die «Wetterfahne» als Symbol der Unbeständigkeit folgten voll Verzweiflung die «Gefrorenen Tränen» und die gespenstische «Erstarrung». Unvermittelt wie eine Traumvision erstrahlte als lichtes Erinnerungsbild der «»Lindenbaum» auf. Während sich die Wasserflut auf die in den Schnee kollernden Tränen bezog, versank «Auf dem Flusse» im Gegensatz von realem Schmerz und erträumtem Trost in Schwermut. Im «Rückblick» erlebte man die Unrast des Fliehenden und sein seliges Erinnern. Im geheimnisvollen «Irrlicht» spiegelte sich der vergebliche Versuch des Aufraffens. Nach der «Rast» überkam den Schlafenden ein trügerischer Frühlingstraum». Klar gezeichnet war der Kontrast der «Einsamkeit» zum Pferdegetrappel bei der «Post», dem Beginn des zweiten Teils, den Liedern des Lebens und der Liebe. Als Sinnbild auswegloser romantischer Lebensverzweiflung beeindruckten «Der greise Kopf» und «Die Krähe», wo die Pianistin ihren Part - wie bei der impressionistisch konzipierten «Letzten Hoffnung» - sehr überzeugend gestaltete. Das Nachtstück «Im Dorfe», der Ausbruch des Lebenswillens im «Stürmischen Morgen» und das Trügerische und Resignierende in der «Täuschung» wurden besonders berührend dargestellt.

Standing Ovations
Mit dem unerbittlichen «Wegweiser», der zum Friedhof führt, begann das grossartige Finale. Das in einen satten Klaviersatz eingebettete «Wirtshaus», der rhythmisch und akkordisch kraftgeladene «Mut», die traumhaften «Nebensonnen» als Vision der verlorenen Liebe und das geniale Lied der Trostlosigkeit, der «Leiermann», forderten Standing Ovations geradezu heraus.

(Appenzeller Zeitung, 5.2.2002, Ferdinand Ortner])

Lesegesellschaft Dorf, 9038 Rehetobel, michael@mrkunz.ch