Veränderungen um 1900

Auch das politische Leben äusserte sich [Ende des 19. Jahrhunderts] nur in den Vereinen, vor allem und fast ausschliesslich in den Lesegesellschaften, da es bei uns keine politischen Parteien gab. Die Lesegesellschaften bezweckten die Information und Diskussion über Abstimmungen und Wahlen, über allgemeine Tagesprobleme und kulturelle Themen. In der Gemeinde vertraten sie fast durchwegs die Interessen ihres Bezirks. Ihre Wahlkandidaten waren meist unbestritten und ihre Anträge in der Gemeindeversammlung hatten nicht selten entscheidendes Gewicht, weil in den Lesegesellschaften praktisch alle politisch wichtigen Männer vertreten waren.
Erst als das politische Interesse um die Jahrhundertwende etwas nachliess und die Gesellschaften aus Mitgliedermangel teilweise kurz vor der Auflösung standen, gewannen sie etwas mehr geselligen Charakter, was sich vor allem durch Leseproben, Vorträge, Gesang und gemeinsame Reisen äusserte. In dieser Zeit beschloss zum Beispiel die Lesegesellschaft Dorf wegen mangelndem Interesse ihre Auflösung, die allerdings nicht durchgeführt werden konnte, da der Verein nicht einmal mehr die zum Beschluss notwendige Zahl der Stimmberechtigten aufbrachte. Vielfach organisierten die Lesegesellschaften auch Vortrags-, Lichtbilder- oder Konzertabende für die Öffentlichkeit, durch die das Gemeindeleben kulturell bereichert werden konnte.
Alle Gesellschaften kannten in neuerer Zeit die Zirkulation von Lesestoff in Mappen unter den Mitgliedern nach dem Vorbild des neben der Lesegesellschaft Dorf bestehenden Lesezirkels. Eine Verschmelzung dieser beiden Organisationen wurde oft diskutiert, aber nicht ausgeführt. Vielfach waren die Lesegesellschaften auch Kollektivmitglieder gemeinnütziger Organisationen wie des Roten Kreuzes, der Schiller-Stiftung, des Heimatschutzes, der Blindenfürsorge, der Winkelriedstiftung oder der Nationalspende.
Die Lesegesellschaft Robach repräsentierte praktisch eine Gemeinde in der Gemeinde, die oft in ausgesprochenem Gegensatz und in hartnäckiger Rivalität zu den übrigen Bezirken stand. Dabei setzte sie sich vor allem für Schulprobleme und für die Erweiterung der Hydrantenversorgung ein. Die Gesellschaft in Lobenschwendi war nach einer aktiven Tätigkeit in den siebziger Jahren aufgelöst worden und wurde offenbar erst 1921 wieder neu gegründet. Diejenige im Kaien, die am stärksten gesellige Züge aufwies, war bereits im Jahre 1854 vom damaligen Männerchor Kaien gegründet worden. Sowohl die Lesegesellschaft Dorf wie diejenige im Kaien waren nach der Jahrhundertwende auch Mitglieder des appenzellischen Volksvereins, der in den siebziger Jahren in Rehetobel eine eigene Sektion besessen hatte. Als sich aber der Volksverein der Freisinnig-demokratischen Partei der Schweiz anschloss, trat die Lesegesellschaft Dorf 1906 aus dem Volksverein aus, da sie sich nach ihrer alten Tradition politisch freie Hand wahren wollte. Dieser Beschluss wurde in Rehetobel als eine mutige Tat mit grosser Begeisterung zur Kenntnis genommen.

[Aus: Geschichte der Gemeinde Rehetobel 1669–1969. Verfasst von: Walter Schläpfer, Karl Kern, Arthur Sturzenegger, Rudolf Schläpfer und Alfred Schmid. Verlag Schläpfer + Co. Herisau 1969. S. 300f.]

Lesegesellschaft Dorf, 9038 Rehetobel, michael@mrkunz.ch