Rede des Präsidenten Bion

Rede des Präsidenten der Lesegesellschaft, Pfarrer W. Bion, vom 4. Januar 1838

2te Versammlung, den 4. Jan. 1838
Nachdem Herr Pfarrer Bion in einem humoristischen, schriftlichen Vortrage, den wir seiner Gediegenheit wegen, ganz wie er ist, unten aufnehmen, die Frage „Wie steht es in der Welt?“ beantwortete, und so die Discussion eröffnete, stellte Herr Hauptmann Schläpfer den Antrag: Der Verein möchte ein Stück Land für den Holzanbau miethen. Diesen Antrag unterstützte er mit der Bemerkung, dass, da nach § 1 der Statuten der Zweck des Vereins im Gemeinnützigen sei, es sich erwarten lasse, man werde dies nun um so mehr thun, da durch dieses gute Beispiel andere zu ähnlichen Anpflanzungen ermuntert werden könnten, und weil überdies dem Verein daraus nie irgend ein Schaden oder Nachtheil erwachse.
Da auf wiederholte Aufforderung, sowohl von Seite des Präsidenten, als der Herrn Hauptmann Schläpfers, so möchten sich Mitglieder, die mit dem Gegenstande vertraut und bekannt wären, darüber weiter aussprechen und ihre Ansichten äussern, keiner das Wort ergreifen und Herr Pfarrer zur Abstimmung schreiten wollte, wünschte Herr Rathsherr Herzig, diese Abstimmung bis zur nächsten Versammlung aufgeschoben zu sehen, damit man inzwischen nach wohlfeilem Boden in der Stille sich umsehen und zu definitiver Entschliessung Zeit gewinnen könne.
Darauf trug das Präsidio an: der Verein möchte hiezu gerade zwei Mitglieder beauftragen, weil bei blossem Aufschieben auf ungewisse Zeit die Sache gerne vergessen werde, oder wohl gar nie zur Ausführung komme. Schullehrer Hörler wünschte eine Commission von drei Mitgliedern. In diese wurden dann gewählt: Herr Hauptmann Schläpfer, Herr Hauptmann Rohner und Herr Rathsherr Herzig, und beauftragt, sich um ein vortheilhaftes Stück Boden umzusehen, und dann dem Verein Vorschläge zu hinterbringen.
Von den, theils vom Vorstande, theils von Mitgliedern des Vereins vorgeschlagenen Schriften und Büchern, wie z. B. das Pfennig-Magazin, das Ausland, Walters Welt- und Völkerkunde, so wie den Wanderer in der Schweiz und Schillers sämtliche Werke, beschloss die Gesellschaft die Fortsetzung des Pfennig-Magazins und die Anschaffung des Ausländers.
Hierauf wurden die Geschäfte beendigt, da die Gesellschaft in die vom Präsidenten noch vorgeschlagene Besprechung über das bei nächster Frühlingslandsgemeinde zu erwählende Obergericht nicht noch eintreten wollte.
Schriftliche Beratung des Herrn Pfarrer Bion, gehalten in der Versammlung vom 4. Januar 1838

P. P.
Da ich unschlüssig war, was ich diesen Abend der Gesellschaft vorlesen sollte, und ich lange nachsann, was wohl passend sein möchte, da kam mir etwas in den Sinn. Ich dachte, die Appenzeller wohnen auf den Bergen und schauen in die Welt hinaus, die Appenzeller haben gute Augen und können ohne Brille einen Esel von einem Professor und einen Bürgermeister von einem Wechseljuden unterscheiden; die Appenzeller treiben starken Verkehr, schicken ihre Waren in alle Welttheile und ziehen für dieselben allerlei Geld, Landmünze und Kronenthaler, Nothe, Schweizerbatzen und holländische Dukaten, schwarze Büdnerblutzgen und englische Guineen ein. Schauen die Appenzeller von ihren sonnenreichen Höfen in das graue Nebelmeer hinab, so wissen sie, dass in diesem Nebelmeer nicht bloss Forellen und Stockfische, schwarze und andere Vögel, Füchse und Hasen, sondern auch Menschen von allerlei Schrot und Korn, von allerlei Farben und Bräuchen sich bewegen und herumtreiben. Darum, dachte ich, mag den Appenzellern die Frage: Wie steht es in der Welt? nicht uninteressant sein.
Wie steht es in der Welt? – mit dieser Frage bewillkommen sich oft alte Bekannte, die einander lange nicht mehr gesehen; mit dieser Frage geht der Handelsjude in die Käufe und der Politiker in das Zeitungsbureau. Wie steht es in der Welt? – so frägt der Minister seine Botschafter und Spione, wenn er irgend einen Staatsstreich durchgesetzt hat, oder durchsetzen will, und der Priester seine Köchin, wenn er mit pochendem Gewissen ihre runde Gestalt und ihre rothgeweinten Augen sieht.
Wie steht es in der Welt? – Mit dieser Frage schaut der Zeitungsschreiber am Neujahrsmorgen zu seinen Fensterläden hinaus, und die gleiche Frage murmelt der Separatistenhäuptling, wenn er in dunkler Nacht an irgend einem abgelegenen Orte seine geliebten Schwestern im Herrn besucht. Wie steht es in der Welt? – diese Frage beantworten Ludwig Philipp und Viktoria mit königlicher Kürze in ihren Thronreden den Deputiertenkammer und dem Unterhause; Bürgermeister, Schultheissen und Landammänner in langer, breiter Rede den schweizerischen Raths- und Tagherren; die Antisten, Dekane und Kammerer mit geistlicher Salbung und frommem Seufzen den gähnenden Synodalen und Kapitularen.
Nun so will ich denn mit dieser Frage den Anfang machen. Aber wie soll ich sie beantworten! Wäre ich ein Advokat, so würde ich sprechen: es steht allerliebst, die Herren in den Rathsstuben fabrizieren eine Menge Gesetze und giessen dieselben in so vielerlei Formen und Klauseln, dass es einen Advokatenverstand braucht, um den Sinn herauszuklauben; die Bauern buchstabieren sich fast blind in den Dekreten und Prozessordnungen, streiten sich um zweideutige Ehrentittel, wegen einem Steinhaufen oder Schwarzdornbusch, und: Herrenlist und Bauernnoth, bringen den Advokaten Brod. Wäre ich so ein heiliger Duckmäuser, so würde ich antworten: ach, die Welt liegt im Argen; die Menschennatur ist von Grund aus verdorben; bald wird sich die Erde spalten, und die Rotte darauf verschlingen; nur bei dem kleinen Häuflein der Auserwählten finden wir noch den wahren Glauben; die übrigen Menschen sind alle dem Bösen verfallen. Wäre ich ein Arzt, so würde ich ganz zufrieden die Hände reiben und sprechen: es geht gar ordentlich. Grassiert auch weder Cholera noch Grippe, so gibt’s doch immer was zu thun, der Einte hat dieses Uebel, der andere jenes Weh, heute überisst man sich, morgen übertrinkt man sich, und an Fiebern aller Art leidet das Menschengeschlecht keinen Mangel. Wollen die Leute nicht capieren oder purgieren, so gibt’s doch immer was zu Schrepfen, bald eine Aderlässe vorzunehmen, bald einen Beinbruch zu heilen, bald ein Blasenpflaster aufzulegen. Wäreich ein Fabrikant und Handelsmann, so würde ich die Achseln zucken und seufzen: es geht nicht, wie es gehen sollte; die Provision ist klein, der Gewinn sinkt. Mit den Webern muss ich dividieren; in meiner Familie thut sich’s multiplizieren, habe ich eine Forderung, so wird mit derselben subtrahiert, und die auf mich gestellten Rechnungen eignen sich vorzüglich zum Summieren. Wäre ich ein Mechaniker, so würde ich ausrufen: Goldene Zeiten! Alles will Maschinen. Früher glaubten die Bauern, Mars, Venus und Jupiter seien die Jahresregenten; jetzt sind es Feuer, Wasser und Dampf. In kurzer Zeit wird es dahin kommen, dass man eine Dampfbrücke über das atlantische Meer schlägt, eine Eisenbahn nach dem Monde errichtet und in 1½ Stunden in einer Dampfkutsche gen Himmel fährt. Wäre ich ein Rothstrumpf oder Aristrokrat, ich würde jammern, die Hände ringen und wehklagen: die Religion kommt alle Jahre mehr in Gefahr, denn die Aufklärung nimmt überhand; Wahrheit und Licht siegen immermehr über Finsternis und Aberglauben. Das Alte fällt über den Haufen; die Bauern wollen nicht bloss essen und zinsen, sondern auch im Rath und Gericht sitzen; ja sie fangen sogar an zu denken.
Doch da ich weder Advokat noch Duckmäuser, weder Arzt noch Handelsmann, weder Mechaniker noch Rothstrumpf bin, so will ich die Frage: Wie steht es in der Welt? nach meiner Manier beantworten:
In der Welt steht’s nicht so gut, als viele wünschen, und nicht so schlimm, als viele hoffen und fürchten. Der Sturm, der seit 7 Jahren die Völker aufregte wie die Meereswellen, die Throne der Gewaltigen und die Altäre des Unrechts erschütterte, hat sich grösstentheils gelegt. Da und dort zieht freilich noch ein Nachwind; da und dort gährt es noch im Stillen, doch hat sich fast überall eine erzwungene Ruhe mit bleiernen Flügeln über die Völker gesenkt.
Frankreich, das Pulvermagazin der Revolution, dekretirt seinem Bürgerkönig ungeheure Summen und vergisst über den Hochzeitsfeierlichkeiten seiner erlauchten Herrscherfamilie und über den Siegestrophäen in Algier das Blut der gefallenen Republikaner. England hält gleichsam die Wage der Völker; bald legt es seine Handelsinteressen in die Schale, bald die Grundsätze des Rechts und der Menschlichkeit. Einen entschiedenen Sieg hat das Gute in den britischen Rechnungsbüchern noch nicht davon getragen. Spanien zerfleischt sich selbst. Es hat grossartig begonnen, hat aber zu wenig geistige Kraft und Eintracht, um grossartig zu vollenden. Das spanische Volk ist in seiner Bildung noch zu weit zurück, um völlig reif für die Ideen zu sein, für welche man es entflammen wollte. Portugal tritt entschieden auf und wird seine Sache eher durchfechten, wenn nicht die Diplomatie wie der böse Feind daherschleicht und alles wieder verderbt. Italiens Strohfeuer ist verraucht und die Cholera hat vollends zum Schweigen gebracht, was vor den österreichischen Bajonetten nicht verstummte. Oesterreich hat zwar seinen Franz verloren, aber seinen Metternich behalten; es ist immer zufrieden, so lange es zu essen und zu trinken hat, so lange Sonne, Mond und Sterne im alten Geleise fortwandeln. In Deutschland ist eine fürchterliche Revolution ausgebrochen – nämlich eine Münzrevolution. Gekrönte Häupter sanken unter ihren Neuwerth herab, und das ganze Korps Kasperli, Sachsen und Groschen wurde degradiert. Sonst weiss ich aus Deutschland nichts Bemerkenswertes, als dass der Bischof von Köln und die Landesverfassung von Hannover wie die Sachsen verrufen wurden. Russland streckt seine Klauen nach Zirkassien aus; es möchte auch dieses Volk erwürgen, wie einst Polen. Den Kaiser Nikolaus erschreckt zuweilen in bösen Träumen das Schicksal seines königlichen Bruders Nebukadnezar, und das Gedenken an einen Richter über den Sternen lässt ihn oft nicht schlafen. Der türkische Sultan möchte gerne reformiert werden – alleine es geht nicht; denn er hat zu viele Weiber und der vizekönig von Aegypten macht ihm viel zu viel zu schaffen. Der König von Holland mustert mit dem einen Auge ein stehendes Heer, das den sparsamen Holländern ein schweres Kreuz ist, mit dem anderen Auge schaut er auf Belgien, welches ruhig seine Freiheit geniesst, seine Fabriken und Eisenbahnen vermehrt.
Und nun hätte ich mich so ziemlich in der Welt umgesehen; es gienge freilich noch weiter, allein ich getraue mich nicht recht über das Meer. Nordamerika hat mit seiner Handelskrisis soviel Unheil gestiftet, dass ich gar nicht dorthin schauen mag. Lieber will ich mich noch eine Weile in meinem lieben kleinen Vaterlande umsehen. Trotz dem auf 1836 angekündigten Untergang der Welt stehen unsere Alpen noch da in ihrer wunderbaren Majestät; trotz der verheissenen Ungnade der grossen Mächte ist noch kein Buchstabe in den neuen Verfassungen durchgestrichen worden; trotz der angedrohten Kriege ist noch kein Mausloch vergrössert worden, um Gold und Silber von dem anrückenden Feinde zu verbergen; trotz dem Jammergeschrei, dass die Religion in grosser Gefahr schwebe, weil die Priester den Bürgereid leisten mussten, und die Klöster unter Aufsicht gestellt wurden, ist noch keinem Heiligen ein Bein gebrochen, noch keinem Priester eine Köchin genommen, noch keiner Nonne ein Mann aufgezwungen worden. Umgeben von Mauth- und Zolllinien, welche die Freundschaft der benachbarten Staaten um unser Ländchen, wie ein Kapuziner einen Zauberkreis um ein besetztes Stück, gezogen hat; von fremden Gesandten und Botschaften bewacht, von Noten und Montebellinden bestürmt, von Spionen und Agents provocateurs belauert, sieht es im lieben Schweizerlande nicht so übel aus, als manche uns glauben machen wollen. Man arbeitet, treibt Handel und Verkehr, sucht sein tägliches Brot so gut als möglich zu verdienen, verschönert Städte und Dörfer, verbessert den Landbau, führt neue Strassen aus, errichtet Banken, projektiert Eisenbahnen, macht allerlei nützliche Erfindungen, befördert Schulen und Bildungsanstalten, und lebt wohlgemuth, weil der alte Gott noch waltet, der unser Land von altersher beschützt und gesegnet.
Freilich hinkt es bisweilen auch da und dort. Die Tagsatzung hinkt, weil sie einen Stelzfuss an der Landesverfassung von 1815 hat; Basellandschaft hinkt, weil seine Haushaltung am Krebsschaden leidet und das Baslergeld manchem den Krampf in die Beine zieht; Glarus hinkt, weil es sich bei dem Hosenlupf mit seinem Religionshelden einen Fuss verrenkte; von Neuenburg, Wallis, Graubünden und den inneren Kantonen weiss ich wenig Gutes zu sagen; das Schlimme kennt jedermann.
Man hat uns ins Ohr gesagt, dass es auch im Appenzellerlande wieder hinken wolle, weil die Kurzenberger im Sinne haben, die neue Schulordnung über den Haufen zu werfen. Ich traue aber den Appenzellern soviel Verstand zu, dass sie sich nicht um die schönste Frucht ihrer Verfassungsrevision, um eine bessere Schulordnung, betrügen lassen werden.
Gute Schulen, gute Schulen, dann geht es besser in der Welt und auch im Appenzellerland!

[Zweite Versammlung vom 4. Januar 1838. In: Protokollbuch der Lesegesellschaft Dorf Rehetobel, 1837–1851, Gemeindearchiv Rehetobel F.3-041/1A]

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